Samstag, 10. April 2010

Die satirische Beleuchtung der Gürtellinie

Morgen findet die Erstkommunion statt. Auch ich werde in die Kirche gehen.

Zwar hat die Kirche die Kampagne "Mehr Good News" vorläufig auf Eis gelegt, die Plakate würden aber nicht umgestaltet, nur die Botschaft soll anders verpackt werden. Gerüchten zufolge soll der Untertitel "Für erlebnisreiche Jugend" wegen möglicher Missverständnisse ersetzt werden - eventuell durch den Slogan: "Yeah, we can", wobei eine gewisse Zweideutigkeit auch hier nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Die Kirche hat indes auf die zahlreichen Negativschlagzeilen reagiert, zeigt sich bestrebt, an der Situation endlich etwas zu ändern und zeigt sich in einem ersten Schritt schockiert und hat deshalb die Satire-Zeitschrift Titanic verklagt. Und zwar wegen dem Bild rechts. Der Titanic-Chef Leo Fischer kontert dazu: "Wir sind ebenfalls schockiert über die zum Teil anstössigen und jugendgefährdenden Phantasien, die dieser Titel in manchen Hirnen auslöst." Denn: tatsächlich sieht man auf dem Bild nur einen Priester, der sich in demütiger Anbetung einem Kruzifix zuwendet.
Bild oben: Titelseite der Titanic-Ausgabe

Die satirische Beleuchtung der Gürtellinie ist das eine - die Reaktionen die Satire auslöst, das andere. Mir gefällt das belustigende Spiel mit der Halbwahrheit, Satire setzt aber eben auch Intelligenz beim Empfänger voraus - das ist manchmal schwierig. Bevor ich jetzt aber als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt und von tiefgläubigen Menschen verachtet werde: Ich habe echt nichts gegen die Kirche. Ich halte den Glauben für eine sehr nützliche Sache, für Menschen denen diese Art von Halt wichtig ist. Ich bin sogar überzeugt, dass die lokal tätigen Gottesdiener gute Menschen sind, die nichts mit den leidigen Geschichten zu tun haben. Ich selber setze mich fast täglich mit dem Glauben auseinander, ich versuche an Gerechtigkeit zu glauben - finde aber mehr Ungerechtigkeiten als mir lieb ist, besonders wenn es um die Art und Weise geht, wie die Kirche den Glauben teleportiert.

Bild unten: Papst im einfachen Stuhl, im bescheidenem Gewand und mit vertrauensvollem Blick

Warum setzen unsere Kirchen zum Beispiel Spendengelder für die Tsunami Opfer von 2004 dafür ein, im buddhistischen Land für den Katholizismus zu missionieren? Warum zeigen sich die Kardinäle, Bischöfe und der Papst in unvergleichbarem Prunk, wo Jesus doch ein einfacher Zimmermann war? Warum fragte mich der Kirchgemeindeangestellte bei meinem Austritt vor vielen Jahren, ob ich denn nicht an Gott glaube? Was hat das damit zu tun? Wie kann es sein, dass ein katholischer Pfarrer mir in Fragen der Ehe und der körperlichen Liebe beistehen soll, wo er doch nachweislich keine Ahnung davon haben darf? Warum unternimmt niemand etwas gegen die offensichtliche Schlechterstellung der Frau? Warum vermittelt der Vatikan noch immer stur die Schöpfungstheorie, wo es sich bei den Menschen doch um studierte Theologen handelt?

Morgen findet in vielen Kirchen der Schweiz die Erstkommunion statt. Auch mein Sohn wird dort das erste Mal am Altarsakrament teilnehmen. Dies ist nach der Taufe der zweite Initiationsritus den man im katholischen Kindesalter erfährt, ein dritter - die Firmung - soll dann die endgültige Bekennung zum katholischen Glauben unterstreichen und erfolgt erst im urteilsfähigen Alter. Mir wurde zugetragen, ich sei ja aus der Kirche ausgetreten, warum ich da dabei sein wolle. Ich sagte: Hey, das ist mein Sohn. Es ist ein wichtiger Tag für ihn und deshalb auch für mich. Schon aus diesem einfachen Gespräch war herauszuspühren, welche tiefe Wunden die heiklen Themen Kirche, Glauben und Traditionen hervorrufen können. Als geschiedenes Paar dürften wir ohnehin noch zu einigen Ave Marias verdonnert werden, wenn uns der Pfarrer erwischt. Aber bei solchen Reizsituationen im kleinen Rahmen verwundert es nicht weiter, dass weltliche Ereignisse dermassen hohe Wellen schlagen, wie die Missbrauchsfälle derzeit verursachen.

Ich glaube. Aber ich glaube nicht an die Institution Kirche. Schon nur deshalb werde ich morgen in die Kirche gehen: Einerseits, um meinen Sohn auch in diesem Lebensabschnitt zu begleiten, aber auch um genau zu beobachten, was dort passiert - Denn Wegschauen ist mehr die Art jener, die noch an Schöpfung glauben und blind dem Tun der Kirche vertrauen.

Kommentare:

EightyOne hat gesagt…

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag.
Manchmal frage ich mich, was noch alles passieren muss, bevor die katholische Kirche auch nur im entferntesten daran denkt, irgend etwas zu ändern. Die katholische Kirche ist meiner Meinung nach ganz weit hinten hängen geblieben, wahrscheinlich kurz nach dem Mittelalter, und merkt nicht, dass sich die Welt um sie derart verändert hat. Du hast es beispielsweise erwähnt: Die Rolle der Frau in der Kirche. Dass es eine völliger sozialer Unsinn ist, wissen glaube ich fast alle. Aber verstösst die Haltung der Kirche gegenüber den Fragen nicht auch gegen das Diskriminierungsgesetz? Sie haben ein Frauenbild von anno 1600. Gleiches mit dem Zölibat, Akzeptanz anderer Religionen, Sexualität, speziell auch Homosexualität, usw usw.
Was muss passieren, dass sich die katholische Kirche ändert? Ich glaube nichts, denn sie wird sich nie ändern.

Geneviève hat gesagt…

Deine Gedanken sind sehr interessant... ich glaube auch nicht, dass die lokalen Geistlichen hier in der Gegend mit den momentanen Vorwürfen zu tun haben. Es gibt überall "gute" und "schlechte" Menschen.

Wenn's um Pedophile geht, sieht das natürlich bei einem Priester VIEL schlechter aus, als wenn's der Nachbar von nebenan wäre...

Auch was du in Bezug auf Frauen und das Zöllibat schreibst: tout à fait d'accord.

Ich selbst bin christkatholisch und das ist genau das Richtige für mich.

Soeben habe ich in meinem Blog etwas darüber geschrieben, denn viele Menschen wissen nicht, wer wir sind.

Nun denn, danke für den Post hier, welcher mich animiert hat, in meinem Blog darüber zu schreiben ;-)