Freitag, 30. Juli 2010

Touristen sind besser als Manager

Vielleicht ist es Euch auch schon so ergangen, dass ein Anstehen im SBB-Kundenzentrum unausweichlich wurde, nachdem der Billet-Automat nach mehrstündigem Herumhämmern das gewünschte Ticket aus technischen Gründen an diesem Apparat und wie sich herausstellte auch an allen anderen Apparaten, nicht auswählen lässt. Man wende sich bitte an einen Zugbegleiter oder an das nächste SBB-Reisebüro, was ich dann auch getan habe, denn Aarau gehört schliesslich zu den wichtigsten Umschlagbahnhöfen für reisewillige Aargauer und vierzig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges sollten doch auch für diese Art Experiment noch reichen.

Vor den unregelmässig besetzten Schaltern, drängte sich eine unregelmässige Anzahl Reisende in einer Art unregelmässigen Linie, wo offenbar alle auf einen frei werdenden Platz warteten. Behielten die meisten Anstehenden die Ruhe und den Überblick, stürmten andere Menschen nervös durch die Halle und verliessen sie ob der Unübersichtlichkeit auch gleich wieder. Als sich die Schiebetüre erneut öffnete und ein tüchtig wirkender Geschäftsmann mit Krawatte den Raum der Warteten betrat, ergab es sich, dass just in diesem Moment einer der begehrten Schalter frei wurde. Getrieben vom luftigen Schwung des Raumbetretens huschte dieser mit starrem Blick nach Vorne, an allen Geduldigen vorbei, schnurstracks an den freigewordenen Schalter. Ein paar verwundert-empörte Blicke später, stellte sich einer der Geprellten zum tüchtigen Geschäftsmann und tat das, was sich 95 Prozent der Anwesenden lieber nicht zutrauen würden: Er beorderte den Manager zurück in die Linie, die zwar etwas verwildert aussah, aber doch eine Linie war. Hier würden noch Andere warten und es sei eine Frechheit und überhaupt, immer diese Abzocker und Schmarotzer, was euch auch immer einfalle und ob ihr euch eigentlich immer alles erlauben dürftet und ständig auf uns Kleinen herumtrampelt. Der Mann mit Krawatte gehorchte, verzog sich sogleich aus dem Raume und die Lichtgestalt des heldenreichen Vorgehens eines unserer Leidensgenossen, erhellte noch lange den Raum.

Endlich war auch ich am Zug um in den Zug zu kommen und wollte an meinen frei gewordenen Schalter aufschliessen, den ich mir während der letzten zwanzig Minuten als meinen Favoriten ausgesucht hatte. Vermutlich, weil das Fräulein von allen Angestellten den sympathischsten Eindruck machte, oder einfach die Schnellste beim Arbeiten schien. Eigentlich spielte das keine Rolle, Hauptsache es ging mal vorwärts, schliesslich blieben von den vierzig Minuten nur noch ein paar Zeigerumdrehungen übrig. Ehe ich aber das ganze Gepäck von der Wartelinie nach dem Schalter schaufeln konnte, erkannte ich im Augenwinkel, wie sich die Schiebetüre just in jenem gefühlt dümmsten Moment, wie vorhin beim Geschäftsmann öffnete und eine afrikanisch anmutende Besucherin unseres Landes mit Schwung an mir vorbei preschte und sich an meinen Schalter installierte. Ich besann mich des heroischen Leidensgenossen von vorhin und zögerte keine Reisesekunde, um mich bei der Überholerin zu beschweren. Hier würden noch Andere warten und es sei eine Frechheit und überhaupt, immer diese Abzocker und Schmarotzer, was euch auch immer einfalle und ob ihr euch eigentlich immer alles erlauben dürftet und ständig auf uns Kleinen herumtrampelt.

Zu meinem Entsetzen erntete ich jedoch kaum Anerkennung, schon gar nicht von den 95 Prozent, sondern nur gefühlte böse Blicke und eine Stimme, die mir sagte, das sei jetzt gegenüber willkommenen Touristen, die gutes Geld in die Schweiz brächten, Arbeitsplätze sicherten und beste Werbung für uns im Ausland machten nicht sehr Gastgeberfreundlich. Na gut, den Teil ab „gute Währungen“ bis Gastgeberfreundlich habe ich vermutlich nur in den vielsagenden Blick rein interpretiert, die Botschaft war aber klar und richtete sich an mich: Geh zurück in die Linie. Wo immer die auch war. Denn in der Zwischenzeit füllte sich der Raum mit neuen Menschen und einer neuen Rangfolge, was zusätzlich verkompliziert wurde, weil sich zu den wartenden Touristen auch noch überraschend geduldige Geschäftsleute gesellten. Das kam nicht nur einem Bruch im Raum-Zeit-Kontinuum gleich - oder in unserem Fall der Kunde-Schalter-Ordnung, sondern versetzte mich in der Ansteh-Hierarchie wieder an die 34. Stelle. Immerhin mit der Erkenntnis, dass Touristen die besseren Menschen sind als Manager, was für die 61 Minuten bis der nächste Zug fahren würde, wenigstens ein beruhigendes Gefühl gab.

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