Montag, 6. April 2009

Mein Doppelleben

Eins vorneweg: Ich bin nicht Schwimmlehrer. Und ich besitze auch kein Bordell. Leider, denn beides sind lukrative Jobs, sie bringen Kohle und auf das kommt es letztlich an.

Nein, sagt die Schulbehörde Ehrendingens, einem Kaff hier in der Nachbarschaft, in welchem knapp 4'000 Einwohner wohnen und jeder jeden kennt. Seit Jahren arbeitet hier ein Mann mit dem mysteriösen Namen "M.B." (Man in Black?). Alle kennen ihn, er ist zuverlässig, scheint beliebt, die Kinder freuen sich auf den Schwimmunterricht und seine gute Arbeit war immerhin schon Gegenstand einer früheren TV-Reportage. Doch jetzt - oh Schreck - welch katastrophale Wende: Der Mann hat ein Doppelleben. Er dreht Pornos und besitzt ein Bordell.

Das hat natürlich keiner gewusst in der riesigen Stadt Ehrendingen. Wie denn auch? Redet ja keiner mit dem anderen. Ausserdem arbeitet der Mann seit Jahren zuverlässig und ohne dass man annehmen müsste, M.B. betreibe beim Schulsport Rekrutierungsarbeit für sein Bordell. Und der wahrscheinlichste Grund, warum nie jemand was gesagt ist, dass wohl jeder von uns ein Doppelleben führt. Ich gehöre dazu!

Ich bin nämlich hauptberuflich Papa von einem tollen Bub, mit dem ich am letzten Wochenende gefühlte drei Tage lang Unihockey gespielt habe, mit zwei weiteren Kids an der Gewerbemesse AMA war, einkaufen gegangen bin und eine Menge Spass hatte. Und das, obwohl sich oben im Büro heimlich die Folgen meines Doppellebens türmen. Ich - und jetzt haltet euch fest - ich führe nämlich ein grausames Doppelleben, das sich in keinster Weise mit Spass und Kids und Rumrennen verbinden lässt. Mit schlechtem Gewissen schweift mein Blick immer wieder nach oben, dahin, wo das Geheimnis brodelt, von dem ich meinem Bub nur selten erzähle, etwas das die Wände dieses Raumes nicht verlassen darf. Mein Geheimnis:

Ich arbeite.

Endlich ist es raus. Genauer genommen: Ich schreibe. Bis zu 14 Texte an einem Tag. Über Hotels (ginge ja noch), Versicherungen (schon schlimmer) über Linux (irgendwas exotisches) und am allerallerallerschlimmsten: Über Dildos und Kamastutra. Dass diese Schreiberei in keinster Weise vereinbar ist mit dem urgesteinsmässigkonservativen Gesellschaftsbild ist mir schon klar. Das Problem ist nur, dass wenn wir nichts arbeiten, können wir keine Steuern zahlen, keine Krankenkassen finanzieren und die AHV nicht retten. Mich würde interessieren, wie hoch der Anteil aus dem Puff ist, der bei der AHV landet und wie viele der brasilianischen Mitarbeiterinnen in 40 Jahren tatsächlich eine Schweizer AHV beziehen.

So gesehen ist es immer heikel mit dem einen Finger auf andere Leute zu zeigen, wo doch mindestens drei Finger auf einem selbst zurückzeigen. Vielleicht war auch nur einer scharf auf den Job des Schwimmlehrers in Eherdingen und hat ihn verpetzt. Hoffen wir, dass der neue Schwimmlehrer kein nebenamtlicher Metzger ist, so einer wäre doch viel zu gefährlich!

Kommentare:

Rotzlöffel hat gesagt…

Tja, so sind sie. Doppelmoralisch, aber immer fein nach außen hin aufregen. Ich sag ja nur: Leben und leben lassen. Wen störts, dass der Schwimmmeister Pornos dreht, wenn er die Grenzen zwischen der einen und der anderen Arbeit wahrt? Schließlich ist/oder war der Vatikan auch an ner Pillenfabrik beteiligt. Also was solls? Man soll ja nicht katholischer sein als der Papst, gell? ;o)

Kessi hat gesagt…

Ein "zweifelhafter" Mensch ist ein Mensch für mich erst dann, wenn die Zweifel zweifelsfrei belegt werden können! Solange das aber nicht der Fall ist, ist für mich jeder Mensch ohne Zweifel ;:).

Ich finde auch, dass dies absolut kein Skandal ist, dieser Mensch arbeitet, um Geld zu verdienen. Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Und ich hasse dieses "Schubladen-Denken" in unserer Gesellschaft. Anstatt sich vorurteilsfrei auf jemanden zu zu bewegen, packt man ihn gleich in eine Schublade, zack und fertig ist das Bild. So was ist total miserabel!

sam hat gesagt…

andererseits flippen alle aus, wenn etwas passiert. man sagt dann man wusste dass er pornos dreht und keiner hat was gemacht