Sonntag, 30. September 2007

Kommerzielle Solidarität? Burma und andere Kriege

Der Konflikt zwischen der Militärregierung in Burma und den Rebellen aus ethnischen Minderheiten ist längst nicht der einzige Krieg auf dieser Welt. Er ist lediglich der älteste von allen. Seit 1948 flüchtet die Bevölkerung vor der Repression der Zentralregierung und derzeit leben etwa 160'000 Flüchtlinge in Thailand und rund 20'000 in Bangladesch. Ein grosser Teil davon hat sein Heimatland noch nie betreten.

Doch die Welt kennt weitaus grausamere Konflikte, in denen Menschenrechte missachtet, Kriegsgebaren verletzt, Kinder und Frauen verschleppt werden. 38 Kriegsschauplätze gibt es derzeit.

Es sind multimedial nicht besonders gut erschlossene Ecken dieser Welt und lassen sich entsprechend nur schlecht verkaufen. Denn - so hart es tönt - Auseinandersetzungen wie jene in Burma steigern Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften, lassen Einschaltquoten klettern und führen zu massiv mehr klicks quer durchs Internet. In den Wochen nach dem 11. September beispielsweise, stiegen die Werbeeinnahmen für Printmedien um 2000 Prozent. Fahrlässig, wer da nicht auch vom Kuchen abschneiden wollte.

Faktisch lässt sich also behaupten, dass Flugzeugabstürze, Tsunamis, Terroranschläge und Bürgerkriege die Einkommen der westlichen Welt sichern, mit denen Umsätze getätigt, Firmen gegründet und Familien ernährt werden. Das Leid anderer quasi als Bestandteil unseres Bruttoinlandprodukts.

Was kostet eine seriöse Quelle?

In diesem Zusammenhang frage ich mich schon, ob der Aufschrei durch die Blogsphäre rein solidarische Beweggründe hat, oder ob nicht ein ähnlicher Effekt erwartet wird, wie bei einem Artikel über Britney Spears. Nämlich den Wert und die Besucherzahlen einer Webseite oder eines Blogs zu steigern, die schliesslich massgebend für die Höhe der Werbeeinnahmen sein werden. Wo ist die Grenze zwischen Betroffenheit und kalkulierter Solidarität? Wo hört die neutrale Berichterstattung auf, wo die gepushte Quelle? Und was kostet die? Sind andere Beweggründe dahinter vollkommen auszuschliessen?

Als Beispiel diene hier der Fernsehsender CNN, der Anfang der 1990-Jahre, nach dem Fall der Berliner Mauer, sich von einer Nachrichtenflaute bedroht sah. Das Aus stand bevor, doch Dank den Balkankriegen, neusten Filmtechnologien und Korrespondenten vor Ort, rettete CNN seine Umsätze und betreibt heute 15 TV-Stationen und 12 Webseiten.
Von der Rüstungsindustrie haben wir noch gar nicht gesprochen. Die tröstet sich mit dem Gedanken, dass Ihre Waffen nur der Abschreckung dienen. Wir trösten uns einfach mit dem Gedanken, dass alles Schlechte auch seine gute Seite hat. Was bliebe uns auch anderes übrig!

Diese Gedanken mögen in Anbetracht der Dramatik in Asien Fehl am Platz sein. Doch wird der Krieg in Burma derzeit von allen schamlos ausgeschlachtet. Ich rufe alle Leser auf, sich nicht in blinden Aktionismus zu stürzen, sondern den Frieden vor Augen zu halten. Wenn das mit einer globalen Blogparade erreicht wird, um so besser. Was aber, wenn sich die Militärs bedroht oder bevormundet fühlen und ihr Verhalten mit der "Aufruhr 2.0" begründen? Wäre uns da noch Wohl in der Bloggerhaut?

Mit der folgenden Auflistung möchte ich daran erinnern, dass weltweit 35 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Täglich werden Tausende Zivilisten getötet werden und noch einmal so viele sterben an den Folgen vergangener Kriege. Ganz unauffällig, ohne das es einer mitbekommt. Nicht nur die Menschen in Burma haben das Recht auf Freiheit und aufmerksamkeit. Alle Menschen sollten ein Leben in Würde führen können. Unser Beitrag muss sein, diesen Weg friedlich zu begehen.

Nicht beendete Kriege

Seit 1948: Bürgerkrieg zwischen Regierung und Rebellen in Burma.
Seit 1964: Unabhängigkeitskrieg West-Papuas
Seit 1964: Bewaffneter Konflikt in Kolumbien (FARC)
Seit 1964: Bewaffneter Konflikt in Kolumbien (ELN)
Seit 1966: Rebellen gegen Militärregierung im Tschad
Seit 1969: Nagaland-Konflikt in Indien
Seit 1970: Revolutionskampf der New People's Army auf den Philippinen
Seit 1970: Widerstand der Moro islamische Befreiungsfront auf den Philippinen
Seit 1978: Antiregime- und Folgekrieg der Warlords in Afghanistan
Seit 1988: Somalischer Bürgerkrieg, Somalia
Seit 1990: Kaschmir-Konflikt in Kaschmir/Indien
Seit 1990: Unabhängigkeitskampf der United Liberation Front of Asom
Seit 1990: Casamance-Konflikt im Senegal
Seit 1990: Hisbollah gegen Israel, im Rahmen des Nahostkonflikts, im Libanon
Seit 1992: Krieg zwischen der Salafisten-Gruppe und der Regierung Algeriens
Seit 1993: Rebellenkrieg der Forces Nationales de Libération in Burundi
Seit 1995: Krieg der Lord’s Resistance Army zur Errichtung eines Gottesstaates in Uganda
Seit 1996: Kongokrieg, DR Kongo
Seit 1997: Revolutionskampf der Naxaliten, Indien
Seit 1998: Irak-Krieg, Irak
Seit 1999: Tripura-Konflikt, Indien
Seit 1999: Zweiter Tschetschenienkrieg, Russland
Seit 2000: Zweite Intifada, Israel/Paläst. Autonomiegebiete
Seit 2001: Antiterrorkrieg in Afghanistan
Seit 2002: Kampf der FLEC für die Sezession Cabindas, Angola
Seit 2003: Unabhängigkeitskampf in Belutschistan, Pakistan
Seit 2003: Hmong-Konflikt in Laos
Seit 2003: Darfur-Konflikt (mehrere afrik. Länder)
Seit 2004: Aufstand kurdischer Separatisten in der Türkei
Seit 2004: Aufstand in Süd-Thailand
Seit 2004: Kämpfe zwischen gläubiger Jugend und der jemenitischen Armee
Seit 2004: Unabhängigkeitskampf südossetischer Rebellen in Georgien
Seit 2005: Schari'a-Kampf zwischen christlichen und muslimischen Milizen
Seit 2005: Kampf der Al-Qaida gegen das saudische Königshaus
Seit 2005: Bürgerkrieg in Sri Lanka
Seit 2007: Konflikt zwischen der äthiopischen Armee und der ONLF
Seit 2007: Aufstand von Tuareg-Rebellen (MNJ) im Niger/Mali


Stand der Liste: Septemner 2007. Nähere Informationen über das Phänomen Krieg gibt es in diesem PDF (524 KB) - Am 4. Oktober findet eine Blogaktion für den Frieden statt. Weitere Informationen zu "Free Burma" gibt es hier, bei Lupe oder fischer.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dieser Meinung bin ich auch. Es ist momentan sehr im Trend, sich für Burma einzusetzen. Mehr...
unkultur

Monsieur Fischer hat gesagt…

du hast def. nicht unrecht mit deinen überlegungen. lupe als quelle hätte gereicht, ich bin glaub nicht der richtige als "vermittler" oder wie auch immer. mein scherflein ist bescheiden.

Admin hat gesagt…

Sonntag, 30. September 2007 10.16 Uhr CEST

EDITH: Den Eintrag von I. habe ich gelöscht. Politisch motivierte Propaganda und die Beleidigung anderer Religionen gehören nicht in mein Blog.
Wer den Eintrag trotzdem lesen möchte, findet ihn wortgleich im halben Internet

Lupe hat gesagt…

drei gründe, warum sich dieser hype lohnt:

zum ersten, weil es der älteste dieser "kriege" ist.

zum zweiten: weil ein friedliche lösungsansatz dahinter steckt.

zum dritten: weil die mönche erreicht haben, dass nun zumindest einer dieser "kriege" niemandem mehr egal ist. leute setzen sich dafür ein, die sich ansonsten politisch selten engagieren.

in meiner unterstützungsliste sind teilnehmer, die sich fast entchuldigen, dass sie für einmal einen "politischen" betrag bringen. die mönche haben uns bewegen können, vielleicht sogar aufgeweckt, etwas - zumindest gegen eine dieser ungerechtigkeiten - zu unternehmen.

dan hat gesagt…

Information ist des Pudels Kern. Wenn jeder von uns etwas unternimmt, können wir etwas bewegen. Ein Beispiel hierzu ist "moveOn.org" in den USA. Und ob es schadet oder nützt das wissen wir erst hinterher. Jedem steht es frei nur zu konsumieren oder aktiv etwas zu tun.

Martina hat gesagt…

Ich danke dir für diese Sichtweise, denn die hatte ich noch nicht berücksichtigt, weil sie mir nicht bewusst war.

Hätte ich im Vorfeld meines "bösen" Beitrages, für den ich auch getadelt wurde (Zustimmung kann man nicht immer erwarten!), Werbebanner geschaltet, dann hätte ich aufgrund des Traffics, den dieser verursacht hatte, einen ungemeinen Umsatz gehabt. Die Zugriffsrate stieg um mehr als das Hundertfache, was von mir nicht beabsichtigt war. Dazu bin ich einfach zu unbedeutend. Aber es ist im nachhinein interessant zu beobachten, wie es funktionieren kann.

Nochmal: Dein Hinweis mit der kommeziellen Intention der Medien ist ausgesprochen gut! Und dabei hätte ich es wissen müssen.

f.brielmaier hat gesagt…

Ein guter Beitrag. Die Kommerzialisierung von Krieg und anderen Unglücken ist eine Tatsache.
Sie ist gefährlich, für viele Menschen aber auch verlockend.Ihr Ursache ist unter anderem die Distanz zu den Ereignissen, die schwierige "Mitfühlbarkeit" der berichteten Dinge. Wer sich aus dem "MTV" geprägten Medienkonsum lösen will, braucht im Minimum den
Wunsch nach einer eigenen, selbst gebildeten Meinung. Diesen Wunsch darf man nicht als selbstverständlich voraussetzen.

Anonym hat gesagt…

Good point. And what do you think of, for example, Shoher's attitude like here http://samsonblinded.org/blog/shame-of-the-jdc.htm ?

文章 hat gesagt…

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